Schmerztherapie

Akuter und chronischer Schmerz

Akute Schmerzen induzieren eine für unseren Körper notwendige Warnfunktion, um Gewebeschäden zu vermeiden. Hierbei handelt es sich um einen plötzlich auftretenden Schmerz, der nicht für längere Zeit anhält. Wenn jedoch Schmerzen ohne einen typischen Auslöser fortbestehen und sich verselbständigen, verliert der Schmerz seine Warnfunktion und es kommt zur Entstehung einer „Schmerzerkrankung", welche Monate oder Jahre andauern kann. Schmerzen machen uns in der Regel darauf aufmerksam, dass irgendwo in unserem Körper etwas nicht stimmt: Sie zeigen uns, wo Reizungen, Wunden oder Entzündungen entstanden sind und ob sie sich möglicherweise ausbreiten. Solche akuten Schmerzen empfinden wir z. B. beim Zahnschmerz, Verstauchungen, Prellungen, Schnittverletzungen, Brandverletzungen oder Muskelverspannungen. In der Regel klingen solche akut auftretenden Schmerzen von selbst ab, sobald die auslösende Ursache geheilt und beseitigt worden ist. Dass viele Menschen langanhaltende
und häufig wiederkehrende Schmerzen erleiden, hat zwei Ursachen:
  1. Eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen ist mit Schmerzen verbunden wie z. B. rheumatische
  2. Erkrankungen, Diabetes oder Tumorerkrankungen. Schmerz kann selbst zu einer Erkrankung werden, auch wenn eine körperliche (somatische) Ursache
nicht oder nicht mehr vorhanden ist, und hat damit seine biologisch sinnvolle Warnfunktion verloren.
Nach Meinung von Fachleuten wird der chronische Schmerz heute als eine eigenständige Krankheit betrachtet. In wissenschaftlichen Studien werden dabei für die Festlegung, ob es sich um einen chronischen Schmerz handelt, Zeiträume von 3 bis max. 6 Monaten Schmerzdauer genannt. Für den betroffenen Schmerzpatienten spielt eine solche Einteilung aber eine untergeordnete Rolle, sodass im klinischen Alltag langanhaltende Schmerzen als chronisch bezeichnet werden, auch wenn sie eine bestimmte Dauer noch nicht erreicht haben. Für Patienten und ihre Angehörigen kann es oft sehr belastend sein, wenn dabei keine Ursache für dieses lange Andauern der Schmerzen gefunden wird.

Mögliche Ursachen für chronische Schmerzen

Die Forschung hat nachgewiesen, dass starke oder länger andauernde Schmerzreize aus den Geweben des Körpers die weiterleitenden Nervenzellen von Rückenmark und Gehirn sensibler für nachfolgende ' Schmerzreize machen können. Die Folge kann sein, dass selbst leichte Reize wie eine leichte Berührung, mäßige Hitze oder Druck plötzlich als starker Schmerz empfunden werden. Hier kann sich die Empfindlichkeit des Schmerzsystems soweit summieren, dass sich eine meist über das Rückenmark vermittelte Schmerzüberempfindlichkeit entwickelt. Unter Umständen senden diese überempfindlich gewordenen Nervenzellen auch Schmerzsignale vom Rückenmark ans Gehirn, wenn aus den entfernter gelegenen Geweben des Körpers (z. B. von einem verspannten Muskel) keine Schmerzsignale mehr im Rückenmark eintreffen. Was als akuter Schmerz begonnen hat, kann sich auf diese Weise zu einem chronischen Schmerz entwickeln. Diese Sensibilisierung findet nicht nur in den weiterleitenden Nervenzellen der Gewebe statt (innere Organe, Gelenke, Muskeln), sondern wie oben beschrieben auch im Rückenmark und im Gehirn. Manche Forscher beschreiben die Lernvorgänge, die vor allem im Rückenmark zu einer Verfestigung der gesteigerten Schmerzempfindlichkeit führen, etwas vereinfachend als „Schmerzgedächtnis" oder „Schmerzengramm", das von akuten Reizen eingeprägt wird und das auch dann bestehen bleiben kann, wenn die eigentlichen Schmerzursachen bereits beseitigt sind. Erforscht wird heute auch, warum Schmerzen bei manchen Menschen chronisch werden, bei anderen dagegen nicht,
selbst wenn beide Gruppen ein vergleichbares Krankheitsbild aufweisen. Neben einer genetischen Veranlagung sind es vor allem psychosoziale Faktoren, die einen Einfluss darauf haben, ob und wie stark sich eine Schmerzerkrankung ausbildet. Es is~ bekannt, dass Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie z. B. Depressionen oder Ängsten, stärker gefährdet sind als psychisch gesunde Personen. Auch soziale Faktoren wie das familiäre Umfeld und die berufliche Situation spielen eine wichtige Rolle.

Quelle: (dgss)
© Dr. med. Michaela Wöhlermann, Ringbergstrasse 2, 83707 Bad Wiessee
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